Ein paar Informationen, falls Sie über einen Aus- oder Eintritt nachdenken:

  • Als „Kirchenaustritt“ bezeichnet man in DEUTSCHLAND die Beendigung der staatlich registrierten Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche oder auch anderen Religionsgemeinschaft, die den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzt, durch das Mitglied selbst – im Unterschied etwa zu einer „Exkommunikation“, bei der das Mitglied aus der betreffenden Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Andere europäische Länder haben eigene Regelungen.

  • Das Recht auf Kirchenaustritt ergibt sich aus dem GRUNDRECHT auf Religionsfreiheit. In Deutschland wurde dieses Recht zum ersten Mal im Jahr 1847 durch das Toleranzedikt von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gesetzlich festgelegt. Seither gab es mehrere „Austrittswellen“: die erste schon vor, die zweite nach dem 1. Weltkrieg 1914-1918, eine ganz große in den späten 30er Jahren unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Ideologie, die beiden letzten nach 1968 und nach der deutschen Wiedervereinigung 1989/90.

  • Seit 1873 erfolgt der Kirchenaustritt in Deutschland (Ausnahme: Bremen) nicht mehr beim zuständigen Pfarramt, sondern – eigentlich ein Unding – auf dem STANDESAMT, in manchen Bundesländern auch auf dem Amtsgericht. Die Austrittserklärung muß persönlich vor dem Standesbeamten oder Richter abgegeben werden. Dazu muß man sich natürlich ausweisen. Eine schriftliche Zusendung der Austrittserklärung an das Standesamt ist unwirksam. Die einzige andere Möglichkeit ist die einer Beurkundung durch einen Notar, die aber natürlich viel teurer kommt.

  • Diese ungewöhnliche Form, daß man dem Staat gegenüber den Austritt aus einer Religionsgemeinschaft erklärt, hat sich nicht die Kirche ausgedacht. Sie geht vielmehr auf ein Gesetz zurück, das der deutsche Reichskanzler Otto von BISMARCK 1873 auf dem Höhepunkt des sogenannten „Preußischen Kulturkampfes“ erließ. Dieses Gesetz richtete sich zwar vor allem gegen die römisch-katholische Kirche, traf aber die evangelische Kirche genauso und trug wie der ganze, mit großer Härte und Erbitterung geführte „Kulturkampf“ langfristig sehr zur Entfremdung zwischen Kirche und Bevölkerung bei.

  • Der AUSTRITT VON KINDERN unter 12 Jahren wird alleine von den Erziehungsberechtigten bestimmt. Ist das Kind 12 oder 13 Jahre alt, kann nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung von 1921 die Austrittserklärung durch den Erziehungsberechtigten nur mit Zustimmung des Kindes erfolgen. Ab 14 Jahren ( volle „Religionsmündigkeit“) liegt die Entscheidung dann alleine beim Austretenden.

  • Die GEBÜHR, die der Austretende bei dieser Gelegenheit (von Ort zu Ort und von Bundesland zu Bun-desland in unterschiedlicher Höhe) entrichten muß, kommt nicht etwa der Kirche zugute (gerade so, als ob wir den Leuten ein letztes Mal „in die Tasche greifen“ würden), sondern soll die Kosten des behördlichen Verwaltungsaktes decken. Sie ist aber umstritten, da manche sie als vom Staat verordnete Erschwerung der Austrittsentscheidung und obendrein als unsozial ansehen.

  • Umgekehrt gab es aber auch „EINTRITTSWELLEN“, so in den frühen 30er Jahren und nach dem Ende des 2. Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur 1945. Seit Mitte der 90er Jahre zeichnet sich eine erneute Änderung ab, von der man freilich noch nicht weiß, ob sie zu einer „Wende“ führt: Es treten von Jahr zu Jahr weniger Menschen aus und dafür immer mehr Menschen wieder ein.

  • Allerdings haben die Eintrittszahlen noch lange nicht das Niveau der Austritte erreicht, so daß die christ-lichen Kirchen in Deutschland weiter „schrumpfen“, natürlich auch bedingt durch den Geburtenrückgang. Wir in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Bruckmühl mit Feldkirchen-Westerham hatten 2006 zum Beispiel 27 AUSTRITTE UND 15 EINTRITTE (Wiedereintritte oder Übertritte aus einer anderen, meist der römisch-katholischen Kirche).

  • Die GRÜNDE, die zu einem Austritt führen, können sehr verschieden sein. Bei vielen steht die Entscheidung am Ende einer langen Entwicklung. Innerlich haben sie sich längst schon von der Kirche gelöst. Sie haben keine Beziehung mehr zu ihr. Vielleicht hatten sie nie eine – aus welchen Gründen auch immer. Schließlich ziehen sie irgendwann die Konsequenz und machen auch offiziell einen Schlußstrich. Eigentlich logisch und nachvollziehbar. Aber natürlich, aus unserer Sicht, sehr schade!

  • Bei anderen entspringt der Austritt einem spontanen Entschluß. Sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Sie sind enttäuscht von ihr. Die Kirche hat sich ihrer Meinung nach in einer bestimmten Angelegenheit falsch verhalten oder geäußert. Sie haben sich über einen Pfarrer geärgert oder fragen sich, wozu die Kirche soviel Geld braucht. Eine Rolle spielen auch von Häme und Falschmeldungen gezogene Berichte in bestimmten Zeitschriften und anderen Medien.

  • Nicht selten liegen auch ganz einfache MISSVERSTÄNDNISSE vor. Sie könnten vielleicht durch ein persönliches Gespräch ganz leicht geklärt werden. Wegen des Austritts auf dem Standesamt kommt es dazu aber leider nicht mehr. Manchmal treten sogar gläubige Christen aus der Kirche aus, weil sie mit der Verwendung der Gelder im kirchlichen Haushalt nicht einverstanden sind.

  • Solche Menschen schließen sich dann aber oft einer der sogenannten „FREIKIRCHEN“ an (z.B. Baptisten, Methodisten, Brüdergemeinden usw.). Diese erwarten von ihren Mitgliedern freilich, ausgesprochen oder unausgesprochen, den biblischen „Zehnten“ als Mitgliedsbeitrag. Für die meisten „Normalverbraucher“ bedeutet das eine Verzehnfachung (!) des Beitrags.

  • Die Folgen des Austritts sind weniger gravierend, als viele glauben. Das für viele Wichtigste ist natürlich, daß man keine KIRCHENSTEUER mehr zahlen muß (sofern man vorher überhaupt welche gezahlt hat, denn nur die knappe Hälfte der Kirchenmitglieder ist überhaupt kirchensteuerpflichtig!). Dabei „spart“ man allerdings gar nicht so viel, wie oft angenommen wird, denn die Kirchensteuer ist steuerlich abzugsfähig. Sie vermindert die allgemeine Steuerlast, die durch den Austritt also wieder steigt.

  • Von wenigen Ausnahmen abgesehen, können Ausgetretene auch weiterhin alle VERANSTALTUNGEN und Gottesdienste ihrer Kirche besuchen und sämtliche Angebote ihrer Gemeinde wahrnehmen, ohne daß sie auch nur gefragt werden, ob sie Mitglied sind. Denn all diese Dinge sind grundsätzlich öffentlich und stehen jedem Interessierten, Christ und Kirchenmitglied oder nicht, offen. Auch die wenigen AUSNAHMEN sind nicht dazu da, die aus der Kirche Ausgetretenen zu „bestrafen“ oder es ihnen „heimzuzahlen“, sondern haben den Sinn, daß wir ehrlich und glaubwürdig miteinander umgehen.

  • So kann, wer aus der Kirche ausgetreten ist, kein KIRCHLICHES AMT mehr übernehmen. Er / sie kann sich also beispielsweise nicht in den Kirchenvorstand wählen lassen oder Taufpate/patin werden. Eigentlich logisch, oder? Man kann auch nicht – es sei denn aufgrund einer Ausnahmeregelung – die üblichen kirchlichen Amtshandlungen wie TRAUUNG UND BEERDIGUNG in Anspruch nehmen. Doch auch in letzterem Fall können die Angehörigen, wenn sie es denn wünschen, in aller Regel auch weiterhin mit seelsorgerlicher Begleitung durch eine(n) evangelische(n) Pfarrer(in) auf dem Friedhof rechnen.

  • Auch das ABENDMAHL können aus der Kirche Ausgetretene nicht empfangen (aber natürlich den betreffenden Gottesdienst mitfeiern), weil es der tiefste Ausdruck der Gemeinschaft ist, von der sie sich ja losgesagt haben. Sollte jemand dennoch kommen, wird er / sie aber auch hier deswegen kaum angegriffen, geschweige denn fortgeschickt werden. Denn der Gastgeber bei diesem Mahl ist nicht die Kirche, sondern der auferstandene Herr.

  • Die Einladung an den / die Ausgetretene(n) gilt selbstverständlich auch für dessen / deren FAMILIE, falls vorhanden. Selbst ungetaufte Kinder können unsere Kinder- und Jugendgruppen besuchen, an der Kin-derbibelwoche und (mit Zustimmung des Religionslehrers) am evangelischen Religionsunterricht in der Schule teilnehmen. Sie können sich sogar zum Konfirmandenunterricht und zur Konfirmation anmelden. Die Taufe wird dann eben im Lauf des Konfirmandenjahres nachgeholt.

  • Selbstverständlich stehen wir als Ihre Pfarrer Ihnen auch zukünftig als GESPRÄCHSPARTNER zur Verfügung. Und sollten Sie weiterhin am (kostenlosen) Bezug unseres Gemeindebriefs interessiert sein, so lassen Sie es uns bitte wissen. Wir freuen uns über Ihr Interesse, auch wenn Sie ausgetreten sind.

  • Sollten Sie bereits ausgetreten oder zum Austritt entschlossen sein, noch ein Gedanke zum Schluß:

Sie haben eine Entscheidung getroffen, und wir respektieren sie. Aber dieser Entschluß muß NICHT ENDGÜLTIG sein. Wer weiß, wie Sie in einigen Jahren oder gar Jahrzehnten darüber denken? – Sollten Sie eines Tages einmal den Wunsch verspüren, noch einmal über „die Sache“ zu reden, so sollen Sie wissen: Ihre Pfarrer werden gerne dazu bereit sein! – Getauft würden Sie in diesem Fall nicht noch einmal, denn die Taufe gilt unverlierbar das ganze Leben lang, Austritt hin oder her. Ihre Geschichte mit der Kirche mag zu Ende sein. Gottes Geschichte mit Ihnen ist nie zu Ende.

Wenn Sie mit uns über Fragen des Glaubens sprechen möchten oder ein seelsorgerliches Gespräch wünschen, stehen wir Ihnen jederzeit gerne persönlich zur Verfügung. Hier können Sie uns erreichen.









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